Tagebuch eines Kriegsgefangenen in England

Colsterdale, Yorkshire im Jahre 1917

15.11.1917 in England
Draußen heult der Sturm durch die Baracken des Gefangenenlagers. Jenseits der stachlichen, undurchdringlichen Umzäunung verkriecht der englische Wachtposten sich in seinem Schützhäuschen. Sein neues, vor kurzem auch hier eingeführtes langes Gewehr mit dem aufgepflanzten Seitengewehr lehnt ruhig in der Ecke.
Wir 19 Offiziere der Baracke 5 sitzen still beim Spiel, bei Arbeiten oder Lesen. Einer liest "La Vie Parisienne", die scheußliche französische Zeitschrift, die neuerdings vom neuen englischen Kommandant erlaubt ist, einer sitzt über der eben gekommenen "History and Encyclopaedia of the War" der Times. Hier paukt einer russische Vokabeln, dort vertieft sich einer in Finanzwissenschaft. Ein Architekt arbeitet einen Entwurf für eine zweistöckige Familienwohnung aus. (Friedrich, Georg. Mohring. Buchberger.) Fries schreibt für seinen nächsten Vertrag über Plastik der alten Römer. Guggenheimer beendet das von ihm entworfene und verzierte Bild für ein Konzert der Kammermusik im Südlager.

 
16.11.1917
Eben aufgestanden, kalt mit einem Handtuch abgewaschen und angezogen. Um 8 Uhr kann ich mein Frühstück einnehmen. Gestern abend kam ich mit meinen Aufzeichnungen nicht weiter, weil das elektrische Licht plötzlich, unmittelbar nach dem der 'Orderly-Officer' uns gezählt hatte, ausging.
Heute scheint die Sonne freundlich, aber der Wind weht kalt. Es wird einen schönen Spaziergang machen. Bevor meine täglichen Aufzeichnungen in geregelte Bahnen kommen, muß ich allmählich einiges aus der Vorzeit nachholen.
Gestern abend hielt Professor theol. (Universität Königsberg) Balla, Lt. d. Res. im R. I. Rgt. 261 einen prachtvollen Vortrag über das Studium an der deutschen Universitäten. Wie soll man studieren? Wie soll man Kollegs besuchen? Wie zu Hause arbeiten? Ich werde mir seine Anregungen, Ermahnungen und Warnungen zu Herzen nehmen.
Am 12 d.Mts. holte ich abds. die Hälfte meiner Baracke raus und konnte ihnen eine Naturerscheinung zeigen die wir alle noch nie gesehen hatten: ein richtiges Nordlicht. Zuerst hielt ich's für Scheinwerfer, aber im Norden? Wohl hatten wir sie im Osten spielen sehen, besonders wenn ein 'Air-Raid' zu erwarten war. Aber diese 'Scheinwerfer' bewegten sich nicht. Sie veränderten nur ihr Länge und Breite. Kurz, es war wirklich Nordlicht. Kapitänleutnant Köhler, Navigationsoffizier der bei Coronel siegreichen und bei den Falklandsinseln versenkten 'Leipzig', sagte es auch und meinte, daß diese Erscheinung, die nur genau im Norden auftritt, auf elektrischen Kräften beruhe.
Die Herbstsonne, die den ganzen Tag so prachtvoll geschienen hat, steht inzwischen im Südwesten. Der heutige Spaziergang mit dem englischen Offizier fuhrte uns, wie vor einigen Tagen, über Berg und Tal in ein schönes Stück göttlicher Schöpfung. Aus dem rauschenden Bach stieg ein silbergrauer Fischreiher in die Höhe und floh über die Wipfel der Kiefern, Fichten, Lärchen, bunt gefärbten Buchen und Eichen. Nur schade, daß man nach solch genußreichen Stunden in Gottes freier Natur in den Käfig zurückkehren muß! Auf dem ganzen Rückwege habe ich einem Schwaben und einem Bayern auf ihre Fragen viel aus meiner Heimat, von den Friesen, von Ebbe und Flut, dem Meer mit seinen Watten, Inseln und Schiffen erzählt. Während dessen verzehrte ich Bucheckern, die ich an dem Ziel unseres Ausmarsches, einer Talsperre, gesammelt hatte. Fast übermüde der ungewohnten Anstrengung, nahmen wir kurz vor dem Mittagessen unsere Ehrenwortformulare am Lagertor aus den Händen des englischen Dolmetschers entgegen.
Während wir 400 deutsche Offiziere der Marine, der Schutztruppe und vor allem des Heeres hier hinter Stacheldraht auf den rauhen Höhen von Colsterdale untätig gehalten werden, spielt Mars unbehindert weiter mit den eisernen, blutbespritzten Würfeln der Krieges. Deutsche und Österreicher, die in so kurzer Zeit unerwartet  fast ¼ Million der italienischen Armee gefangen nahmen, die in einer 'Isonzoschlacht' hundertmal so viel erreichten als der träulose 'Bundesgenosse' in elf Isonzoschlachten, die die ganzen, stark verschanzten feindlichen Truppen aus den Alpen in die venetischen Ebene warfen und hartnäckig verfolgten, diese ruhmreichen Soldaten stehen jetzt am Piave, vor den Türmen Venedigs und drängen langsam aber sicher südlich Asiago und Feltre weiter vor. Mit unbeschreibliche Freude haben wir täglich die neuesten englischen Zeitungen, besonders die Yorkshire Post mit den neuesten amtlichen Berichten, die Manchester Guardian und die Times verschlungen. Lord French, der Kommandeur der Heimatstreitkräfte, schrieb einst, daß es in diesem Kriege viele Überraschungen gegeben habe, daß die größte wohl die des Italienischen 'Desasters' sei, daß aber eine noch größere möglich sei, nämlich die einer deutschen 'Invasion' in das heilige britische Land.
Es ist 5.20 abends. Buchberger, Friedrich, Clauß und ich kommen gerade aus Raum C, wo unser Lagerältester, Major Reschke, einen Vortrag über die Tätigkeit der Kavallerie in diesem Kriege, über wahrscheinliche Änderung ihrer Ausbildung und ihrer Formation hielt. Hiermit wollte er, der als Führer einer Schwadron in Ostpreußen und Rußland mitgekämpf hat, vor allem die oft gehässigen Anfeindungen der Infanterie zurückweisen. Geradehab ich mich über das heute nachm. erhaltene Bücherpaket Nr. 21 (Husum 31.10.17) gefreut, mit Stenographie-Lehrbuch, Schlüssel und 3 Schreibheften, über das hübsch geschmückte Heft "Heimatlieder im Felde" und die 20 Röttig-Hefte "Weihnachtslieder im Felde", von ihm für Männerchor gesetzt. Da wird sich auch unser Chorleiter Lt. Feger freuen.
In Palästina haben die Engländer unter Allenby leider Beerscheba, Gaza und Jaffa genommen und nähern sich Jerusalem. Auch in Mesopotamien sind die Türken zurückgedrängt.
An der Westfront haben die Franzosen uns den Chemin des Dames an der Aisne, die Engländer die Höhen südlich und östlich Ypern entrissen bis auf das Gelände nördlich Paschendaele, wo vor kurzem heftige deutsche Angriffe scheiterten. An der Ostfront nach deutschem Heeresbericht seit langem "keine besonderen Ereignisse". Aber hinter ihr, weiter östlich, besonders in Petersburg und Moskau tobt der Bürgerkrieg. Kerensky kämpft vor den Toren der Hauptstadt gegen die Maximalisten, die Anhänger der "Brot- und Friedenslaute" Lenin und Trotzki. Lenin war mal in Berlin wo er sich Unterstützung und Rat wird gehohlt haben. Die englische Presse beklagt sich, daß die englische Propaganda der deutschen so unterlegen ist. Auch das 'Desaster' in Italien schreibt sie den deutschen Wühlern und Agenten zu.
Aus der Heimat kommen großenteils gute Nachrichten: die Ernte ist gut. Der Vorrat an Kartoffeln für den Winter ist im Pastorat so groß, daß der Keller nicht ausreicht, sondern Herrn Bärthleins Zimmer zu Helfe genommen werden muß. E. hat die staatliche Krankenpflegeprüfung bestanden und wird im Winter der Mutter zu Hause helfen, wenn sie sich genügend von ihrer fleissigen Arbeit in der Großstadt erholt hat. Rudolf hat in Husum schöne Urlaubstage verbracht und ist am 7 Oktober telegraphisch nach Hannover gerufen. Vielleicht fliegt er jetzt über der Westfront, Gott beschütze ihn! Wilhelm ist "Freiwilliger jugendlicher Landarbeiter" bei einem Nordstrander Hofbesitzer zusammen mit zwei anderen Untersekundanern. Am 15. Oktober schreibt er von Mistfahren.
E. hat eine gutes, I. leider ein schlechtes Zeugnis nach Hause gebracht. Im September ist Rudi Kardel, ein alter Hausfreund , als Batl. Adjutant im bayr. Inf. Regt. 3 in Flandern gefallen. Sein Bruder Harboe schreibt aus Lazarett-Tondern, wo er als von der Ruhr Genesender seinen zweiwöchigen Urlaub verbringt, den er sich bei der Todesnachricht nahm, um seine verwitwete arme Mutter zu trösten. Der Artillerie-Leutnant Heinz Morbitz, Freund vom Dr. phil. Narotshsee in Rußland, schreibt vergnügt aus Berlin vom Urlaub. Mein Putzer Sickert liegt leicht verwundet in einem Lazarett. Vzf. Bock, lange mit mir zusammen in der Kompagnie, hat in Flandern seinen rechten Arm verloren. Einer der tüchtigsten Soldaten der Komp. Ich wurde viel darum geben, wenn ich nur wüsste, wie es mit meinen anderen Komp.- und Regts.-Kamaraden geht.
Vorgestern ist mein Körper, der in den langen kalten Regentagen sehr vernachlässigt wurde, endlich mal wieder zu seinem Recht gekommen. Vormittags Schlagball, nachmittags Fußball. Hierbei hätte ich als Stürmer, halb rechts, zweimal ein Tor schießen können. Aber vorbei!
Die Bewohner der Baracke 5 sind: Der Österreicher (er flog aus russischer Gefangenschaft über China, Japan, Amerika nach Europa. Hier wurde er aber auf dänischem Dampfer, als Heizer verkleidet, durch englische Kontrolle entdeckt. Da als Offzier nicht anerkannt, mußte er lange Zeit in einem Zivilgefangenenlager verbringen, bis er eines Abends plötzlich während des Abendessens in der Messe erschien) Oberleutnant Lechner; Leutnant Köchling (Schutztruppe); Haase; Fries; Demmer; Guggenheimer; Mohring; Wolfhart; Schmitt (Lorenz); Buchberger; Timmermann; Herbart; Matthies; Clauss; Friedrich (Georg); Dongus; Fähnrich zur See Stubenrauch (“Blücher“, Januar 1915 bei Doggerbank gesunken). Lt. Ernst und Anecker. Dongus, mein nördl. Bettnachbar, ist vorgestern von Krätze geheilt, aus dem Lagerlazarett entlassen. Clauss (akt. Offz.), der Primgeiger des Orchesters, ist augenblicklich zus. mit Wolfhart, (akt. Offz., hat mal 2 Semester Medizin studiert), dem Flötenspieler zur Probe in der Messe gegangen. Nächsten Sonntag gibt's nämlich wieder einen Liederabend, an dem auch Hauptmann du Vinage (der mich im Zupfgeigen unterrichtet) mit seiner Laute teilnimmt.
Morgen, am 17. November, hat mein Fliegerbruder Geburtstag. Wird er nicht 20 Jahre alt? Zur Feier dieses Tages hat Lt. Clauss seine Feier verschoben - am 18.11. wird er 22. Ich habe für Morgen eine Torte bestellt, die uns beim Nachmittagskaffee im Familienkreise (auf der Baracke) gut schmecken wird.
Guggenheimer liest gerade unter 'Country Notes' der 'Country Life', daß unter anderen die Gefahr der Starvation bei den Alliierten größer ist als bei den Mittelmächten, daß etwas über ½ Million der deutschen Armee in feindlicher Gefangenschaft ist.
 
17.11.1917
Rudolfs (Rienau) Geburtstag! Den ganzen Tag muß ich an ihn denken! Heute morgen beim Aufwachen ungefähr 7.15 poltert Demmer schon 'rum. Lt. Köckling verweist ihn. Demmer sagt: "Das tun die anderen auch." Beiderseitige Erregtheit. Köchling nennt Demmers Betragen "verfluchte Unverschämtheit und Rücksichtslosigkeit". Später kommt der Österreicher aus seinem Verschlag mit der Proklamation "Ich werde Sie dem Major melden." Der uns allen unangenehme philister- und pedantenhafte Demmer sitzt zu unserer Schadenfreude in Druck und rasiert sich schon für die Einladung des Majors. ... 
 
18.11. 1917 
Sonntag! Infolge der Ermahnungen des Barackenältester war es heute morgen so ruhig, daß ich erst um 8.30 aufwachte und aufstand. Lerch (große Trommel, Orchester) brachte in dunkle Frühe dem Geburtstagskind Clauss ein schönes, sanftes, glockenartiges Mandolinenständchen. Von "Lobe den Herren" wurden wir alle wach. Auf meinem Platz am Kaffeetisch lagen wieder geschenkte (von wem?) Scheiben Brot, außerdem hatte ich mir eine deftige Käsestulle von gestern abend aufgespart, sodaß ich ein reichliches Frühstück hatte und auch heute nachmittag nicht nur den faden Tee zu trinken brauchte.
Das Vorlesen (der Zeitung) ist Sonntags erst um 11 Uhr, und zwar ''Weekly Despatch''. Keine Ereignisse von besonderer Bedeutung. Das Wetter ist neblig. Gottesdienst fehlt leider wieder. So war denn das Ständchen für Clauss auch mir eine besondere Freude. Von Morgen an steht eine Woche lang auf meinem Platz bei allen Mahlzeiten auf hoher Stange das Schild "O. v. W." Als Offz. v. Wochendienst habe ich die Briefe zu ordnen und sondern, die Namen der Spaziergänger aufzurufen, auch die der Empfänger bei Geldausgabe, Krankmeldungen entgegenzunehmen. Mehr wohl nicht! Also keine große Arbeit! Es nimmt mir aber doch zu viel von meiner Arbeitszeit.
Am Kopfe der 'Weekly Despatch' steht heute nur "Italians capture 1000 Germans" und "Enemy attempt to turn the Piave Line". Gleich klingelt's zum Appell. Dann ist Chorsingen (Sonntag u. Donntg.). Hoffentlich auch Post für mich da! Zur Feier des Tages will ich heute nicht Medizin arbeiten, sondern nur etwas stenographieren und heute nachm. (Laute) zupfen. Heute abend ist Liederabend (Orchester und Hauptmann * Du Vinage zur Laute). - Es ist abends 9.45. Konzert beendet! Scharfe Aburteilung von Buchberger und Friedrich über die Singerei von du Vinage.
Bemerkung aus Notizbuch: Nacht von 13.-14. Nov. Umgegend von Calais bombardiert. Opfer unter der Zivilbevölkerung. Da muß ich an die 77. Pris. Of War Cop. denken, die wahrscheinlich noch bei Les Attaques liegt, zusammen mit 75er, 72er, 87er, 47er Gefangenenkompagnie. ...

The Laboe Naval Memorial (Laboe Tower) is a memorial located in Laboe, near Kiel, in Schleswig-Holstein, Germany. Submarine museum U-995 at beach. For the sailors of all nationalities who died during the World Wars. http://goo.gl/xJ6VQ8
 
 
20.11.1917
Dienstag! Der Sturm heult und rüttelt an der Baracke. Durch alle Ritzen der dünnen, wenn auch doppelten Holzwände dringt die pfeifende Kälte. Gestern vorm. meinen Auftrag als Offizier v. Wochendienst mit Ordnen der hier geschriebenen Briefe begonnen. 299 Briefe nach Deutschland, einzelne nach England, Holland, Schweiz, Deutsch-Süd-West, Gefangenenlager in Kap (Lap?)land, sogar nach Rußland und Italien. Physik und Zellenlehre gearbeitet. Zu Mittag gab's Gulasch und Kartoffeln. Abends haben wir im Familienkreise auf der Baracke fürstlich gespeist, Lachs, Bratkartoffeln, Spiegelei, Mayonnaise (Auslage 2/9d, für jeden also 5½d). Nachmittags Physik (Winkelgeschwindigkeit, v = w*r. Winkelgeschw. ist gleich der linearen Geschw. bei den Radius (vector) 1.), Medizinischer Unterricht bei Dennecke (Zellenlehre, Entwicklunsgeschichte). Teetrinken, eingeladen von Bunting zu Leibnizkeks und Honig. Empfang meiner aus London angekommenen Zupfgeige (25sh). Kaffeetrinken mit Fries, eingeladen zu geröstetem Brot mit Honig. 5-6.15 Vortrag von Hauptm. Liebe (84er) [gefg. 31.Juli.17] über die Marneschlacht. Abends gesungen zur Laute. Heute Vorm. hab' ich die Spaziergänger rausgelassen, Physik gearbeitet und gezupft. Mittagessen: Reis, Fleisch, Kartoffeln, Brühe. Einige Briefpost von Hause!  
  
21.11.1917 
Abends Brief 28 geschrieben an Mutter und Ingeburg. Dann warmes Brausebad. Abendbrot: 1 Scheibe Brot, Schellfisch, Kartoffeln. Nachm. Spaziergänger losgelassen. Karte für Heyne-Kriegsspiele vervollkommnet. Mittags 12 Uhr als Offz. v. Wochendienst 355 Briefe aus dem Office geholt.
Aus "Yorkshire Post": Rußland "as an der Schwelle des Friedens zu betrachten". Die deutsche Regierung will in ihrer "teutonischen" Weise die Regierung der Bolschewiki noch nicht anerkennen, um die Deutschfreundlichen zu größeren Anstrengungen anzutreiben.
Allenby nähert sich Jerusalem. Douglas Haig greift die Westfront erneut auf der Linie St. Quentin - Scarpe an.
An der italienischen Nordfront nähern sich die deutsch-österreichischen Truppen unter Kraus, heftigen Widerstand überwindend, der venetianischen Ebene, sodaß man fürchtet, die Italiener müßten die Piavestellung aufgeben.
 
24.11.1917
Sonnabend! Dieses heimatliche Sturmwetter rüttelt mich auf! Neuer Lebensmut braust durch Leib u. Seele. Wie ein Wilder hab ich heute auf dem glitschigen Sportplatz mit dem Sturm herumgetobt, bald gegen ihn angestürmt, bald hab ich mich von ihm ostwärts über den glatten Boden schieben lassen. Heute Post von Hause (2 Pakete mit Bildern, Schokolade, Kuchen, Zucker, Talglichter!, Blumen, Bonbon, Knorrwürfel, weiße Kragen u.sw., 3 Karten von Rudolf aus Frankreich, von Elisabeth und Herrn Pastor Gleiß) die mir ganz besondere Freude bereitet hat. Die vielen schönen Bilder habe ich natürlich allen meinen Kameraden zeigen müssen, die sich mit mir gefreut und an den braunen, prachtvollen Weihnachtskuchen gelabt haben. Fuchs, der bayerische Toni, war eben bei uns am gemütlichen Kaffeetisch. Im Südlager klingelt's schon zum Abendappell und -Essen.
Die Bilder vom englischen Photographen sind fertig. 1½ Dutzend für 7½ sh. hab ich erstanden und hoffe, bald einige heimschicken zu können.
Der Spaziergang wegen Regen ausgefallen. Ich von Oblt. Schmidt (Afrikaner) in den beiden letzten Spielen des Schachturniers glänzend reingelegt, sodaß ich weit davon entfernt bin, am Endkampf teilnehmnen zu können.
In England und Frankreich herrscht Siegerfreude. Die Glocken sind geläutet, denn die Engländer haben einen glücklichen überraschenden Stoß bis über die Siegfriedstellung hinaus gemacht, der ihnen gut 8000 Gefangene einbrachte, (darunter einen schimpfenden Oberst) und sie bis dicht vor Cambrai brachte. In Norditalien, in den Südalpen haben wir kleine Fortschritte gemacht, in Palästina die Engländer, die wohl bald in Jerusalem einziehen werden.
Aus dem revolutionären Rußland laufen die wildesten Nachrichten ein. Augenblicklich führen die Extremisten unter Lenin das Szepter, die sofortigen Friedensschluß verlangen, die Demobilisation der Armee soll begonnen werden. Ein Fähnrich ist Generalissimus. Soldaten und Matrosen nehmen hohe Beamtenstellen ein. Warmes Brausebad. Klampfen.
  ...

25.11.1917 
Auf dem eisüberzogenen Schnee scheint die sonntägliche Morgensonne. In märchenhafter Pracht, wie von einem feinen Schleier bedeckt, liegen die Höhen von Colsterdale mit den Wäldchen, den kahlen Felsen, den grünen Wiesen und den grauen weningen menschlichen Wohnungen vor unsern Augen. Über allem ein hoher, reiner, blauer Himmel. Und doch sind wir Gefangene! Und doch ist Krieg!
Prahlerisch steht im Kopfe der "Weekly Despatch": "British capture over 100 German guns." "Stubborn resistance near Cambrai."
Vorträge der letzten Woche: Donnerstag und Freitag nachmittag trug mein Lehrer Oberarzt Dr. Dennecke, der leider in Kürze über Kegworth und Holland nach Deutschland reist (der Glückliche), sehr fein und lebhaft vor über Sanitätswesen und das Wirken der Ärzte im Kriege. Donnerstag abend sprach Lt. Weinrich über die soziale Tätigkeit der deutschen Studentenschaft. Sehr schön! Gestern abend, wie alle Sonnabende, Marinevortrag von Oblt. Schiwiz über Organisation der Marine. Etwas langweilig! Undankbares Thema, das seinen Nachfolger nur dazu dienen sollte, ihnen bei ihren Spezialvorträgen über Taktik oder Marineflugwesen ein näheres Eingehen auf Fachausdruck der Organisation zu ersparen.
Heute drei Briefe und drei Karten von Vater, Rudolf, Ina, Mutter und Erika.
Jetzt stille Stunde am Sonntagnachmittag! Eben schlemmerhaftes Kakaotrinken mit Kuchen von Hause und Honigbrot. Friedrich und Clauss halten sich gegenseitig große Reden. Die andere lesen, Dongus schreibt seinen Brief. Ich gleich. Auf dem Ofen singt das kochende Wasser. Draußen heult der eiskalte Sturm.

28.11.17
Heute in der Frühe haben uns alle Ärzte verlassen, um über Kegworth und Holland nach Deutschland zu reisen. Oberarzt Dr. Dennecke, mein Lehrer, hat Vaters Anschrift mitgenommen, um über Paketausgabe und Behandlung zu schreiben. Schade, daß er fortgeht. Unter seiner Anleitung würden mir die medizinischen Arbeiten bedeutend leichter.Gestern abend bekam ich ein großes Stück von Rudolfs Geburtstagskuchen, den wir heute nachmittag bei einer Tasse Schokolade verzehren wollen. Millberg, der einzige Husar in dem Lager, holte mir das Paket, weil ich gestern nachmittag gleich nach dem Appell am gemeinsamen Zupfgeigenspiel teilnehmen mußte. Das erste Mal im Chor gespielt. 5 Klampfen. Beide Lieder, das schwedische Liebeslied und "Ave Maria" klappten für erste Mal schon ganz leidlich.In unserer Baracke hat unsere Familie, früher von Kanze Dicke (jetzt Bar. 7) "Oberhaus" begrüßt, eine Veränderung der Möbelaufstellung vorgenommen, sodaß wir jetzt Wohnzimmer vom Schlafzimmer durch grünen Vorhang getrennt haben. Guggenheimer, Fries und ich arbeiten und spielen jetzt gemeinsam an einem schön gedeckten Tisch, dicht am Ofen, von Tag- und Nachtlicht gleich günstig beschienen.Haase ist seit einiger Zeit wegen seiner schlecht geheilten und immer noch sehr schmerzhaften Wunde im Lagerlazarett, wo seit gestern ein englisches, sehr jüdisch aussehendes Mädchen als Pflegerin sein soll. Gestern haben uns die Ordonnanzen in gemütlichen Abendstunden über die Gefangenschaft durch gute, lustige gesangliche und schauspielerische Vorführungen hinweggehoben. Die 6d war es wert. Vorgestern haben Schmidt, Lorenz, der Bayer, den ich den "Klooman" nenne und ich gerauft. Mich nennt er gewöhnlich mit seiner M.G. Schnauze "Soldat" oder "frecher Kerl". Gegenseitig haben wir die freundschaftlichsten Ausdrücke, vertragen uns aber sehr gut; denn es ist nicht bös gemeint. Beim Raufen "ergibt er sich oft freiwillig", wenn ich aber die Hand von der Gurgel lasse, rattert er wieder los. Letztes Mal blieb mir die blecherne "9" seines Achselstück am linken Daumen stecken, was sehr ergötzlich aussah. So floß auch Blut. Die heutige "Yorkshire Post" bringt weitere Fortschritte der Engländer vor Cambrai, erbitterten Widerstand der Deutschen dort und der Italiener in den Alpen.


  [O1]    Gegen 50 Morsumer (Insel in der Nordsee) werden zum Waffendienst gerufen, davon 15 an die Kampffronten. "Die Feldpost", herausgegeben von Pastor Gleiss, kommt vierteljährlich in jedes Haus und zu den Feldgrauen.

 Zeichnung: Dorfkirche in Keitum auf Sylt

 

24.12.1917 Heilig Abend in Breary Banks

Mittags! Gleich 12. und noch keine Post. Nach Hause schrieb ich gestern unter anderem, daß ein neuer Herr gekommen ist, der am 6. Dez. über London im "Gotha" abgeschossen wurde. Daß er bis jetzt im Gefängnis saß, hab ich nicht zu schreiben gewagt; aber, daß er durch seine Erzählungen unsere Zuversicht nur verstärkt. Jetzt kommen wieder 40 "Neue", obgleich das Lager voll ist. Zwischen die 21 Betten einer jeden Baracke müssen also noch 2 Betten geklemmt werden. Ich bin jetzt im "Frauenabteil" (Nichtraucherraum) mit heimlichen Weihnachtsvorbereitungen beschäftigt. Die Ferien begannen gestern. Auf sie hab ich mich fast ebenso gefreut wie auf der Schule, obgleich ich hier nur unter dem schönen, freiwilligen Arbeitszwang stehe. Die kirchliche Feier heute Nachmittag ist für alle, also interkonfessionell. Das kann ich mir nicht recht vorstellen. Das Wetter ist nicht so kalt, aber unweihnachtlich matschig. Für Minuten sehe ich zwischen den südostwärts jagenden grauen, weißen und violetten Wolken blauen Himmel und goldene Sonnenstrahlen.

In den eben gekommenden Daily Mail lese ich von weitern nur: "Rhonda can serve all foods in the shops." "All fronts lively." "Italians hold their gains." In der Yorksh. Post: "Further advance in Palestine." "Another Gotha brought down." "Trotcky less hopeful" u.s.w.

Heute Mittag gibt's Gänseklein und heute Abend Gänsebraten, nachher Gebäck, dann musikalische Vorführungen.

26.12.1917 Weihnachten

Die kirchl. Feier begann mit dem Chorgesang "Ehre sei Gott in der Höhe". Dann gemeinsam "Vom Himmel hoch, da komm ich her". Lt. Balla las Lukas 2, 1-14. Dann wieder gem. Lied mit Orchesterbegleitung "O du fröhliche". Ich ließ während Balla's Rede den Glanz der Lichter und die feierliche Stille auf mich wirken, während seine Worte selbst mir nicht viel geben konnten. Er sprach von schönen Weihnachtserrinerungen aus Kindertagen, von den Lieben Daheim, von Gott und Jesus, dem Menschen mit der gewaltigsten, reinsten, liebevollsten, gottergebensten Seele, von dem bald kommenden "Friede auf Erden", jetzt, wo im Rücken Deutschlands der Krieg eingeschlafen ist. Bald werden auch die anderen Köpfe des Drachens abgehauen werden. Zum Schluß: "Stille Nacht, heilige Nacht." An Post bekam ich nur eine Karte von Mimi Wilke am 25. und heute eine von Mutter vom 24. November.

Nach dem Gottesdienst versammelte sich die Familie Fries vor dem grünen Vorhang. Vater und Mutter (Fr. u. Ggg.) zündeten die Lichter des Bäumchens und des Gabentisches an. Wir warteten im Dunkel wie zu Hause. Der Vorhang geht auf. Wir stehen im traulichen Lichterglanz im Halbkreis um Bünting, der mit Nachtkleid und Heiligenschein aus Pappe angetan die Buchbergersche Weihnachtszeitung vorliest. Vorher warnte er uns, auf die Geschenke zu schauen, da wir schon schielten. Ich entdeckte nämlich schon bei dem Zettel mit meinem Namen in der Mitte der drei Tische einen Hockeystab, den ich wirklich nie erwartet hatte. Die Kopfzeichnung der Zeitung war von Fries und stellte in humoristischer Weise die Familie dar, der Vater in Schlafrock mit Schlafmütz und langer, qualmender Pfeife. Zur linken, ihm gegenüber die Mutter Guggenheimer. In diesem elterlichen Rahmen die Kinder, ich als das jüngste auf dem Nachttopf, die Hände staunend und freudig zum herabschwebenden Weihnachtsengel erhoben. Die übrigen Zeichnungen mit Versen stammen von Buchberger: Fries als Künstler und M  dargestellt. Gggheimer als Mathematiker. Mein Vers begann: "Und dem Rienau bringt der Christusknabe diesen schönen Hockeystabe." Clauss, der sich oft "mit viel Geschicke den Scheitel ziehe bis ins Genicke" bekam eine Flasche Brilliantine, damit er sich anstatt mit Schweinefette mit Brilliantine den Scheitel glätte. Zum Schluß kommt Friedrich. Selbst hat sich der Buchberger natürlich nicht angepflaumt. Von Bünting lag auf meinen Platz ein Buch mit Liedern zur Laute: S./l. kleinen Rienau. Bünting. Weihnachten in Colsterdale. 1917. Buchberger war von Fries u. Ggg. mit einem blauen Buch "Deutsche Burgen und Schlösser" beschenkt, Fries mit einem Band der "History of the War" (von Manchester Guardian) u.s.w. Ein Weihnachtslied wurde gesungen. Gegenseitiges Bedanken. Überraschung. Bestaunen der Zeichnungen. Gemeins. Kaffeetrinken.
Zum solennen Abendessen gab's vorzüglichen, reichlichen Gänsebraten mit Rotkohl, zum Schluß Südfrüchte (Aprikosen oder Ananas). ....

 

Holyport  13. Juni 1918

Mit dem 8. Juni ist ein Abschnitt meiner Gefangenschaft abgeschlossen. Ein bedeutender Tag in unserem eintönigen Treiben! Die letzten Nächte in Colsterdale in Bar. 10., 2. und Stabsbaracke zugebracht. Am Krematorium kleines Freudenfeuer. Verbrennen der ganzen "freien Volksbühne" u. a. Am Abend des 7. Abschied von den Ordonnanzen, die allein im Nordlager bleiben. Untersuchung in der Messe des Südlagers. Letzte Nacht auch dort verbracht. Fast alle schlecht geschlafen. 4 Uhr Aufstehen. 4.30 Frühstück mit Brot mit Butter und Kuchen. 5.00 Abmarsch bei klaren sonnigen Wetter. Letzter fröhlicher Marsch nach Masham. Abfahrt 7.08 über Ripon, Marston Moor, York, Doncaster (10.50), Peterborough, London (Kings Cross Station). Von dort über Nottingham Place mit Autos durch die belebte Millionenstadt bis Paddington Station. Dort Aufenthalt von 3-4.30. Brot u. Tee. Dann über West-Ealing, Westdrayton (Windsor), Topplow nach Maidenhead. Zu Fuß zwischen Bäumen, Hecken und hübschen Villen auf ebener Asphaltstraße schwitzend 3km nach Holyport. Nach Untersuchung Bar. A5 bezogen zus. mit Schertz, Fischer, Voges, Wolff, Ziemann, van de Loo, Schröder. 2 x Abendessen. Sehr gut nach dem aufregenden unvergesslichen Tag geschlafen.

 

1. Juli 1918

Montag. Gestern abend zweites Gartenkonzert bei Apfelwein. Während unter den großen Kastanien der Kapelle die an kleinen Tischen sitzenden Gruppen der Offiziere dem bekannten Marschlied "Abschied der Gladiatoren" lauschten, berieten oben in einem verschwiegenen Unterrichtszimmer des Schlosses Neumann, Hacker, Grashoff, ein Krüppel und eine Postordonnanz über den kommenden Dienstag ... Inzwischen wurde das Programm unten abgespielt: "die Männer sind alle Verbrecher", "Mädchen sind wie Engelein", "Luna Walzer", "Es war in Schöneberg", "Kind ich schlafe so schlecht", Walzer aus "die geschiedene Frau".  In Holyportscher Umgegend ging ich bisher erst dreimal spazieren. An die Themse gibts leider nicht. Schlagball fast jeden Nachmittag, manchmal auch Beteiligung an Fußball oder Hockey. Infolge reichlicher Pakete aus Deutsch- und Holland bin ich dazu imstande.

 

3.Juli 1918
Gestern zum 1. Male Schlagball der 1.Mannschaft. Infolge starken Nordostwindes Bullenschläge! Neumann’s Versuch, heute schon einzusteigen, scheiterte. Falsche Schlüssel! Morgen Wiederholung! Heute abend mein drittes Billard-Spiel! 44sh! Gestern abend Vortrag eines in Italien abgeschossenen Fliegers über seine Nachrichtenübermittelung. Vorgestern abend besoffene Feier der Bude A6. (Lt. Voss, Ettling, Thorwählen, Schalles, Starke, Wittmann, Thomann, Warnecke, Popken, Noack, Reuter, Tietgen) weil sie bis Beendigung ihrer 18 Monate noch 100 Tage zu überstehen haben. Ich jetzt noch 106 Tage! Ich hoffe, in Leiden oder Utrecht meine Studien beginnen zu können.
 
5.Juli 1918
In der Times finde ich eben folgendes Gedicht: The New Mecca  Mr. Frederick Clarke, writing from Bath, sends us the following amusing adaptation:-
„Wo der hehre Generalstab sich in Blutgeschäft erfrischt, Wo der fleißige Chemiker auserlesene Gifte mischt, Ziehet hin! Ziehet hin! Es gibt nur eine Mörderstadt, Es gibt nur ein Berlin! – Wo für’s Frau- und Kind-Ertränken Christenvolk Medaillen schlägt, Wo der spurenlos-Versenker heißbegehrte Lorbeern trägt, Eilet hin! Eilet hin! Es gibt nur… Wo für arme Kriegsgefangene Neue Foltern man ersinnt, Und die Gunst der lieben Belgier durch die Sklaverei gewinnt, Stürzet hin! Stürzet hin! Es gibt… Wo der Hass der Erdenvölker Um der Frevler Häupter loht, Und die langsam nahende Strafe Dem Verbrecher Schande droht, Flieget hin! Flieget hin! Es gibt nur eine Mörderstadt, Es gibt nur ein Berlin!“ Bath, July 1. Frederick Clarke.
 
 
6. Juli 1918
Sonnabend abend 6.15. Eben Abendappell, so früh, weil um 7.30 Theater beginnt. Die Sonne scheint noch heiß vom blauen Himmel. Um 5 hat A5 vergeblich auf den Photographen gewartet. Wir hatten uns alle schon fein zu machen versucht und saßen auf der Freitreppe des Schlosses, Neumann neben mir. Jetzt – innerhalb 5 Minuten zwei Sensationen fürs Lager. Neumann kann endlich seinen lange erwogenen Plan ausführen. Im Wäschekorb wird er von Ordonnanzen zum Tor herausgetragen. Schon steht der Korb auf dem Wagen., der Kutscher sitzt auf dem Bock. Da fällt es einen Tommy ein, die Körbe zu untersuchen, und Neumann [Lt. der Res. I.R.162, Schönberg-Mecklenburg] in von Haniels weißer Hose, den Rock unter dem Arm entsteigt mit struppigem Haar dem heruntergestoßenen Wäschekorb. Drei schwer bewaffnete Briten führen ihn ab. Fast gleichzeitig gebiert eine der Kühe zwei Kälber, deren Geh= und Laufversuche das ganze Lager am Stacheldraht dicht gedrängt, als etwas noch nie Gesehenes bestaunt.

7. Juli 1918
Sonntag. Verhältnismäßig gutes Mittag= und Abendessen. Flottes Schlagballspiel am Nachmittag! Grashoff gewinnt gegen Petersen mit 84:74. Abends besiegt mich in ermüdendem Billardspiel Schaumkell mit 25:17 in einer Stunde. Richthofen-Flieger Lt. Keseling abends von 1 Flasche Wein schweinisch besoffen!

15. Juli 1918
Montag. Gestern abend wohltuende, ergreifende Kammermusik – Brahms. Vor vier Tagen von Fritz Voges Freundschaft und Liebe geboten. Ehrenratswahl. Wahl der Vertrauensmänner. 2 Zimmer,  16 Herren wählen in einem. Voss in die Küchenkommission gewählt (oder befohlen?). Endlich! Ob’s besser wird? Oblt. Schumacher (Flieger) aus „Gesundheitsrücksichten“ von seiner Adjutantur zurückgetreten. Lt. Prill (Flieger) 1., von Wülknitz 2. Adjutant geworden. Wieder ein kleiner Sieg der Colsterdaler! Jetzt müßte nur noch die ganze Lagerverwaltung und Küchenkommission gestürzt werden. Nachdem es tagelang durch’s Dach geregnet hat, beginnt man jetzt bei schönem Wetter mit dem Teeren. Einige Anfragen, die wir von A5 der nächsten Vertrauensmännersitzung vorlegen wollen, werfen ein gutes Licht auf unser Dasein, daß uns von deutscher Seite noch schwerer gemacht wird:

1) Wie ist es möglich, daß der englische Sergeant-Major täglich gegen 1 Uhr mittags in unserer Küche speist?

2) Ist es möglich, daß Herren, die nicht in den Baracken speisen, morgens mehr Porridge erhalten als wir in den Speisebaracken? Unsere Messeordonnanz (Bar.II) berichtete uns so.

3) Ist es durchaus nötig, daß die Stubenordonnanzen den Stubenschmutz auf die Barackenstraßen vor die Türen fegen?

4) Wird von der Verwaltung gegen das Durchregnen in den Baracken nichts unternommen?

5) Könnte das Eßgeschirr nicht sauberer abgewaschen werden? Könnten die Messer nicht besser geputzt und ab und zu geschärft werden?

6) Wie war es möglich, daß wir schon zweimal verschimmeltes Brot erhielten?

            Jetzt endlich werden die in den Teerboden gesunkenen Bettfüße gehoben und auf zementene Platten gelegt. Oblt. Schumacher zieht neben uns in A4. – Ich versuche es zum 1. Male mir einen Schnurrbart stehen zu lassen. Vorgestern Abend klampften Schaumkell und ich zusammen. Schließlich kommt eine weitere Zupfgeige, sogar eine Geige dazu und der Radau ist da. Nach „Light out“ um 10.30 beginnt plötzlich ein wunderbares Tiergeschrei. Hühnergegacker, Grunzen von Schweinen, Miauen von Katzen, Heulen und übernatürliches Bellen von Hunden, Kühe, Schafe, Pferde, Kanarienvögel usw. ja sogar Granaten lassen sich hören.

16. Juli 1918
Oblt. v. Zedlitz, der seit kurzer Zeit die Ord. Komp. überkommen hat, machte einen Anschlag betr. Arbeitszeit für Ordonnanzen, der Major (Schummerich) schreibt drunter: „Wo steht denn das geschrieben?“ Darauf ist natürlich v. Zedlitz von seinem Posten zurückgetreten. – Voss, der nicht gewählt, sondern durch Anschlagsbefehl vom Major in die Küchenkommission befohlen ist, weigert sich. – Ein sonnniger Vormittag! Alles wartet wieder gespannter denn je auf die Zeitung. Gestern abend schon wurde bekannt, daß die deutsche Offensive von Amiens bis Chateau-Thiery begonnen hätte. Vom Haag soll die Nachricht da sein, daß alle Mannschaften auch nach 18 Monaten ausgetauscht werden.

31.7. 1918
Endlich hat sich das Gewitter der Ehrenwortfrage gelegt. Die meisten geben dem Engländer ihr Ehrenwort wieder. Ich nie wieder! – Infolge einer Sehnenverrenkung (oder Bluterguß?) kann ich trotz des heißen Sonnenwetters keinen Sport mitmachen. Aus der Heimat seit Tagen sehr viele Pakete! Seit 2 Wochen statt der oft faulen, endlich neue Kartoffeln! Viele Tomaten! Mit Frl. Petersens Butter-Talg gebraten! Mit Voges oft zweites Frühstück eingelegt. Maggisuppe mit holländer Wurst u. Ei drin! Nachts viel Scheinwerferspielen im Osten. Tags Flieger=Mätzchen in Richtung Bray. Vor 3 Tagen A5 photographiert. Lt. Nagel fängt Bienenschwarm ein, den wir jetzt öfters besuchen. Seit kurzem ein neuer Captain Loraine (Commandant Assistent). Wäsche konfisziert!

10.8.1918
In letzten Tagen viele Geburtstagspakete erhalten. Gestern schneidiger Versuch von Lt. z. See Buchheister. Leider nur 1 Std. Freizeit. Sportplatz nur noch unter Bewachung offen. Spazieren gehe ich nie mehr. Heute vorm. mit Voges Schlagball gespielt. Lt. Engel rät mir, doch mein Hemd anzuziehen von wegen der Bevölkerung und aus Rücksicht auf die Kameradschaft. Für beides hatte ich kein Verständnis. – Südlich der Somme leider seit zwei Tagen erfolgreiche englische Offensive. Gestern abend Schiller=Abend. Aus „Wallensteins Lager“ die Kapuziner Predigt, aus „Piccolomini“ u. „Wall. Tod“ je eine Szene aus dem 5. Akt Ergreifend war eine Szene aus Wilhelm Tell. Prachtvoll wurde von v. Haniel der junge Melchtal gespielt. Letzten Sonntag u. Montag gute Mozart-Musik des Haus=Orchesters. Heute die 12 bestellten Photographieen (6.6) erhalten und an Verwandte und Bekannte in Deutschland verteilt. Vor mir liegt die „schöne Heimat“, ein liebes Geschenk von Erika. Leider ist das Wetter seit einigen Tagen wieder sonnig und trocken. Mein Schlaf immer noch durchweg schlecht. Daher eines Abends im Bette wälzend an den Tisch gestoßen, sodaß Ggg. schöne Vase in tausend Scherben auf dem Asphalt lag. Auch andere wertvolle kleine Sachen sind mir im Laufe des Gefangenschaft verloren gegangen, z. B. Stubenrauchs Kriegsschiff in Colsterdale gelassen, Buchbergers Portrait von mir u. a.

21.8.1918
Gestern ein Freudentag. Ina hat mir ein Stück Heimat gesandt. 49 feine Aufnahmen, die ich bald in das Album stecken werde. Ich bin nicht gerade abergläubisch, aber doch liegt so eine bange Ahnung in mir, als ob ein Unglück geschehen wäre, die kleine „Kriegsersatz“ Vase, die mir Fritz zum Geburtstag schenkte, warf vor der Tür in Stücke; die rotgoldnen Blumen lagen im Schmutz. Heute morgen träumte ich unruhig von Husum. Ein Geburtstagsständchen weckte mich früh. Im Bett las ich dann die letzten Zeilen von Storms „In St. Jürgen“ Ich glaube, seit über 1 Jahr zum 1. Male zuckte ich unter erlösenden Thränen, die mein Kissen reichlich benetzten.

26.8.1918
Montag. Vor 3 Tg. erschien ein neuer Lagerältester, Major u. Rgts.-Kmdeur Graf Brockdorf, der erzählt, daß die jungen Elsässer an der Front sich weigern, nach vorne zu gehen, daß in Southampton – Bear’s Mountain – noch 300 Offiziere sitzen. Heute morgen träumte ich, Wilhelm sei auf Sylt in Kampf gegen Morsumer gefallen. Sonnabend, also vorgestern anläßlich des Geburtstages von Major Schrott, der froh ist, nicht mehr Lagerältester sein zu müssen, 1 Aufführung der großen Lager-Revue. Musik von v. Pieverling. In 6 Bildern: In der Garnison, In Polen, In Brüssel, Schützengraben, P.O.W. in Canada, Ein Traum (Zukunftsbild). Gestern abend wieder gemütlich mit Fritz in der Schloß=Vorhalle gesessen u. zus. mit Fritz Lau gelesen und dann lange über die blendenden Draht=Lampen in das düstere Dunkel über die Themse hinweg geschaut und geträumt. Voges bangte vor den ersten Tagen in Deutschland wegen seiner 3 Tage Stubenarrest.


* gemeint sind sicherlich:

Ernst Guggenheimer (* 27. Juli 1880 in Stuttgart; † 12. September 1973 ebenda) war ein deutscher Architekt jüdischen Bekenntnisses. (Wikipedia)

* Ernst Du Vinage: geb. 6.5.1890, lebte in Erfurt - zuletzt in Bad Arolsen, später Autor und Komponist " Kameraden" Du Vinage, Ernst. - [Köln] und "Die grosse Harmonie" - Rodenkirchen/Rhein : Tonger, 1965

 

 

 

 

 

 

 

 


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Der Autor war bis zu seiner Gefangenschaft im April 1917 Mitglied im Reserve-Infanterie-Regiment 266, 10. Kompanie.

Das Tagebuch im BBC Radio: http://www.bbc.co.uk/programmes/p02b5n44

Bilder & Fotos von der Front siehe:
http://www.europeana1914-1918.eu/de/contributions/1989#
 

Thank you very much to the friendly British Finder, which returned us this diary of our grandfather. Recordings of the prisoner returned after over 80 years to his homeland. Our family is very grateful over this unexpected gift !!!

 http://www.wiseacres.org.uk/rienau/

Von Spurensuche in Europa


Swimming Pool für die Kriegsgefangenen in Holyport


Holyport, Maidenhead, Windsor (POW camp 2008)
Holyport is a village in the civil parish of Bray, about 2 miles south of Maidenhead in the English county of Berkshire, German POW Camps in the UK


St Michael's Church, Bray, Berkshire near Holyport, near royal residence Windsor castle

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Ostern an der Ostfront

Brief seines Bruders von der Front in Russland am 23.4.1916

Ihr Lieben!

Ich schreibe ----- abschickt. Bis jetzt haben wir Ostern ganz schön verlebt. Gestern abend um 8 Uhr, als ich auf Posten zog, fing der Russe plötzlich an, Leuchtkugeln abzuschiessen, dann rasselte sein Maschinengewehr, schliesslich schoss die ganze Bande, was aus den Flinten raus wollte. Dann flammte der ganze Himmel rot auf, und Schrapnelle und Granaten platzten in der ganzen Gegend. Noch schiesst unsere Artillerie nicht, aber auch beim Russen platzen Schrapnelle. Da meinten die Affen, wir wollten angreifen, und hatten fürchterliche Angst. Endlich nahm unsere Artillerie den Wald halblinks, wo sie sitzen, kräftig unter Feuer, und nun wurde auch das russische Schiessen ruhiger und besser. Salve auf Salve sauste rüber zu uns, glücklicherweise nur selten eine schwere Granate dabei. Wir hatten auch allerlei Treffer vorne in der Deckung und sogar einen Volltreffer einen Meter von meinem Nebenmann in der Hinterwand, aber die Granaten fliegen so flach, dass sie nicht auf den Grund kommen können, und so wurden wir nur mit einer Ladung Dreck überschüttet. So ging es bis 9 Uhr, dann flaute das Feuer ab.

Heute morgen um 2 Uhr hole ich Kaffee, um 5 Uhr ziehe ich auf Posten. (Um 2 Uhr wird es schon langsam hell.) Die Sonne schien herrlich vom wolkenlosen Himmel. Drüben (500 m entfernt) ruft ein Panje etwas, -ich rufe wieder, er guckt über die Deckung, ich winke. Schliesslich kommen auch bei uns mehrere noch und rufen und winken, auch beim Russen. Ich winke m i t den Husumer Nachrichten und rufe: „ Panje, Panje, putscht!" (ich komm!) Dann nehme ich meine Feldflasche, setze sie an und rufe: „Wutki, Panje. Ah, dobsche“! Die kommen immer höher, und auf dem ganzen Abschnitt wird gerufen und gewinkt. Endlich kommt einer aus dem Graben, klettert durch den Drahtverhau und geht langsam auf die Mitte zu. Von unserem dritten Zug auch einer und immer mehr. Sie schütteln sich die Hände, tauschen Zigaretten aus, setzten sich im Kreise hin und schwatzen. Leider durften wir hier oben nicht raus, und so benutzte ich die Gelegenheit und kletterte hinten über Deckung und lief zum Bataillon, um einen Pfahl zu holen, den wir nötig hatten. Der Laufgraben steht nämlich voll Wasser. Als ich wiederkomme, sind die Panjes dabei, ihre Toten wegzutragen. Nun gehen auch von uns hier oben ein paar Mann los vor den Drahtverhau, und wir beerdigen einen russischen Feldwebel, der unmittelbar vorm Draht liegt. Wir hatten in der letzten Zeit bemerkt, dass etwa hundert Meter vor uns ein Posten stand, wussten aber nicht genau, was damit los war. So stiefeln wir die Höhe rauf, ich rechts,

Gefreiter Fandreid links. Der steht plötzlich fünf Meter vor einem Loch, in dem zwei Russen, das Gewehr vor sich auf Deckung, ganz ruhig stehen. Er grüsst: „Panje, Panje“ und geht zurück und ruft auch mich zurück, da ich schon etwas am Posten vorbei war. Wir schlendern noch ein bischen rum, bis drüben aus dem Russengraben das Maschinengewehr einige Schüsse in die Luft schiesst als Signal: "Schluss der Vorstellung." Alles verschwindet. Aber noch immer ist die Stimmung ganz friedlich, selten fällt ein Schuss, nur die Artillerie befunkt sich und die Flieger, die andauernd in der Luft kreisen. Heute nachmittag befunkt  unsere leider ab und zu auch den Russengraben, und bald wird der Krieg wohl wieder los gehen. Die 264er, die links von uns liegen, sollen vier Überläufer haben, darunter einen aus Wilna und einen aus Warschau. Dem Unteroffizierposten vor uns winken wir noch ab und zu mal rüber, aber er ist ganz still, denn nun ist es ein gefährlicher Stand für ihn, weil wir das Loch ganz genau kennen.

Heute abend werden wir nun ja abgelöst und kommen wieder ins Waldlager. Hoffentlich bleibt es ruhig.   Herzlichen Gruss! Euer R.

 

Das Kriegsende in Deutschland – Brief der Mutter an den Soldaten


Husum 10.11.1918


Mein lieber …
auch ich hätte nicht gedacht, daß ich Dir unter so erschreckenden Verhältnissen zu Deinem Geburtstag Glückwünsche müßte. Ich bin ganz sicher, daß wir, unser Vaterland, unser Kaiser ein solches Ende nehmen sollte, ich kann und kann es nicht fassen, daß es so kommen konnte. Schlag auf Schlag, was für eine ... war die letzte. Wir, die wir noch in ruhigen Verhältnissen leben, haben ja nur eine Ahnung von den schrecklichen Tagen durch die Zeitungen und Erzählungen. d.h. heute am Sonntag wurde durch die Glocken ausgerufen, daß eine öffentliche Versammlung bei ... zur "Aufklärung über die jetzige Lage mit Musik und roten Fahnen  wurde dann ein Umzug veranstaltet. Seit gestern liegt auch ein Schiff mit roter Flagge im Hafen.. Aus den Kasernen der Garnison waren die Soldaten weggeschickt. Flüchtlinge, wie Seeoffiziere aus Kiel und Lockstedt LG kommen hier an. So kam gestern ein Ltn. ... , der Dich mal kennengelernt hat als Du Dir seine Achselstücke ....und auch mal in Lübeck getroffen hat, ganz erschüttert hier an.  Nachdem was er in Lockstedt erlebt hat schrecklicher als an der Front, sagt er. Von dort ist vom Soldatenrat alles nach Hause geschickt. Offizieren Achselstücke abgerissen, die alten Herren die da waren, mussten vorm Soldatenrat antreten ohne Achselklappen und Kokarden. ...zerschlagen sich selbst neu gekleidet .. Dem hab ich auf seine bescheidene Bitte Zivilzeug gegeben, damit er nach Hause (Oberhausen) reiten konnte.
Seeoffizier in Zivil sind nach Nordfr. land gefahren, das heißt Pastor Schmidt nahm sie mit, weil er eine Beerdigung da hatte. Die von Vater und dem Probsten Rat haben wollten. Sie nahmen auf Nordstrand Arbeit an um Papiere als Arbeiter zu bekommen. Da sie gänzlich ohne Papiere waren. In was für eine Heimat kommt Ihr zurück. Aber lass den Mut nicht fallen, es gibt noch einen Gott. Sollte diese Bewegung um sich greifen auch auf die Front, auf Euch, nehmt Euch selbst die Achselstücke ab, damit sie Euch nicht ... werden und besudelt. Eine himmelschreiende Schmach widerfährt unserem Vaterland dass ich um Euch drei in grosser Unruhe bin wirst Du verstehen.  Ich kann mir ja nicht denken dass die ... verschont bleiben, Gott helfe auch Wilhelm dass rechte zu treffen und glücklich heimzukehren. Ich habe gehört dass der englische Gefangenenaustausch vor sich geht. Da Deutschland auf die ... Deutschen verzichtet hat. Die armen Gefangenen wie anders haben sie sichs gedacht, nach Hause zu kommen und wir auch. Hätten wir ihn nur erst hier um Dich weil Du Offizier bist , bin ich sehr in Angst. Auf die Offiziere haben sies abgesehen. Sieh Dich vor und verhalt Dich ruhig. Lach mich nicht aus, wenn ich Dir rate hol Dir den Zivilzeug aus Oberhausen Rheinland oder von Onkel Karl Gries, Buchhändler Dürckheim/Pfalz. Fahr nich über Kölln, ich denke und denke so viel, damit ich Euch warnen kann. Ich weiss gar nicht ob es noch Zweck hat Dir was zu schicken. Einige Deiner Wünsche sind unterwegs, Ich wollte Dir nun noch Honig, Wolle und Zwirn schicken. Rasier... gibts nicht mehr. Aber wenn es nicht ankommt hat es kein Zweck. Halstuch , Kuchen, Taschentücher, Strümpfe ... Kuchen sind unterwegs und werden zu Dir gelangen. Urlauber werden nicht mehr zur Front gelassen, Züge angehalten und beschossen, Offiziere rausgeholt, geduzt. Ich wünsche Dir jetzt nur, dass Du nur erst glücklich durch die Heimat hier ankommst. Die Enttäuschung für Dich, für alle die ihr draussen ausgehalten habt, sind bitterschwer und Eure Zukunft liegt ....  die Sorge auf aller Eltern Herz. Wir haben hier alles Gute so selbstverständlich hingenommen, wie ruhig lies sichs Leben unter unserm Kaiser und unter geordneten Zuständen. Und nun? und ... man befürchtet noch Schlimmeres. Gott verhüte  es . Oft glaube ich dass das Ende der Welt nahe liegt, denn die Vorboten sind da. Gott redet eine ernste Sprache mit und wenn wir nur hören wollten. Darum warnte ich Euch und bat Euch nicht zu verschlafen es ist noch Zeit das auf zugeben. Hoffentlich hats Du nicht vergessen zu beten und zu danken. Es tut mir sehr Leid, dass Vater Dir so wenig geschrieben hat, Du musst so denken, das ich oft an Dich schreibe, da hat er gedacht er könne noch warten und hat es immer aufgeschoben aber gewiss er hätte Dir noch eher Stütze und Halt sein können als ich es kann. Es ist sehr schlimm wenn Du gar nicht schreibst. Wir können doch nicht wissen ob es Dir so sicher geht wenn mit Vater etwas wäre, würde ich es Dir doch schreiben. Ach lass wenn Dus kannst und unter diesen Verhältnissen wirst Du es können Deinen Geburtstag ohne Feier vorüber gehen, es ist keine Zeit zum Feiern. Weiss denn jemand um deinen Geburtstag? Zwei Flaschen Wein im Monat sind noch viel zu viel mein lieber Junge. Kasinorechnungen sind schlimm. Das ist ein Grund der Erbitterung bei den Mannschaften dass die Offiziere so flott leben. Es ist auch nicht Recht. Schipper hat immer mit seine Leuten gegessen. Er ist noch hier. Aber ... kann er nicht, weil er nicht an die Front gelassen wird. So nun hab ich ja mal ordentlich was geschrieben. Hoffentlich bekomme ich bald wieder ebensoviel. Von Johannes kamen  heute zwei Briefe  66 und 67. Von Wilhelm über Erika beiligend ein Brief. Dich grüsse ich und gebe Dir ein herzlichen Geburtstagskuss und erbitte alles gute für dein neues Lebensjahr.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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